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2002.10.02 - Junge Architektur aus Japan

45 unter 45 -

Junge Architektur aus Japan

23. Oktober 2002 bis 28. Februar 2003


Mit ihrem Exkurs nach Fernost „45 unter 45 - Junge Architektur aus Japan“ zeigt die Veranstaltungsreihe Architektur im Ringturm Arbeiten der viel beachteten jüngsten japanischen Generation. Unter den 45 Architekten unter 45 Jahren, die vom 23. Oktober 2002 bis 28. Februar 2003 präsentiert werden, finden sich auch in Europa bereits bekannte Namen wie Kazuyo Sejima, Kazuhiro Kojima, Yoshiharu Tsukamoto oder Shigeru Ban.

Die Architekten in der Ausstellung können auf Grund ihres Alters als CAD-Generation (Computer Aided Design) bezeichnet werden. Früher pflegte ein Architekt seine Ideen auf Papier zu skizzieren, in einen Plan zu übertragen und dann anhand eines Modells Parameter wie Volumen und Raum zu prüfen. Bei den jüngeren Architekten hat der Computer als nicht mehr wegdenkbares „Werkzeug“ Einzug gehalten. Im Gegensatz zur älteren Generation dient sein Einsatz zur Vervollkommnung ihrer Technik und nicht bloß als Zeichenhilfe (die Ideen kommen oft erst bei laufendem Computer und CAD-Programm). So ist die Welt der Architektur momentan - und man kann sagen, ausgehend von Japan - mit der gewaltigen Veränderung zu architektonischen Entwürfen mittels CAD konfrontiert (ein Phänomen, mit dem sich bereits Architektur-Kongresse befassen).

Japanische Architektur: Der Trend der durch CAD geprägten Architektengeneration geht in Richtung gekonntes Design, Helligkeit, Leichtigkeit, wenige Details und tritt damit an Stelle der früher häufigen Schwere und Bedrücktheit. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt vor dem gesellschaftspolitischen Hintergrund der Zeit zu sehen, in der die Architekten aufgewachsen sind: ein sicheres Leben - ohne Krieg - und vor allem eine wirtschaftliche Blüte der Großstädte. Auch wenn heute von der großen Rezession gesprochen wird, gibt es einige, nicht außer Acht zu lassende Fakten, wie beispielsweise, dass sich die Löhne in Japan seit 1955 verzwanzigfacht, die Preise aber nur versechsfacht haben. Die Architektur bleibt vor diesem Hintergrund nicht mehr reiner Beruf, sondern wird - zwangsläufig - „Spielwiese“ persönlicher, individueller Ideen.

Das Werk eines der innovativsten Architekten weltweit steht gleichsam als Vorläufer für die Denkweise der reduzierten Haltung in architektonischen Konzepten: Das „Zelt des Nomadenmädchens“ (Yuboku shojo no pao, 1985) von Toyo Ito. Das Objekt, anlässlich einer messeähnlichen Ausstellung errichtet, drückte auf hervorragende Weise und mit einfachsten Mitteln das temporäre, leichte und unkonventionelle der neuen Architektur aus.

Ein japanisches Spezifikum und zentrales Konzept in den meisten Projekten der Ringturm-Ausstellung ist das so genannte Superflat, bei dem es im Grunde um die Gleichwertigkeit der räumlichen Hierarchie geht: Beispielsweise ist bei einem Entwurf der Eingangstrakt eines Hauses genau so wichtig wie das Wohnzimmer, die Toilette oder der Gang. Es stehen alle Räume auf einer gleichwertigen Bedeutungsebene nebeneinander.

Die Ausbildung: Bei der Ausbildung ist man in Japan mit einem System konfrontiert, das es in keinem andern Land der Welt gibt: Abgänger ein- und desselben Architekturstudiums an ein- und derselben Universität arbeiten letztendlich in unterschiedlichsten Fachbereichen - im Designerbereich, im Baugeschäft, im Bereich der Werkstoffe, bei der tatsächlichen Ausführung von Bauvorhaben als Bauleiter oder bei einer Behörde. Bereits während des Studiums entscheiden Studierende, ob sie sich einmal selbstständig machen, in einem großen Architekturbüro oder in Abteilungen für architektonisches Design großer Baufirmen arbeiten möchten. Letztere haben die Chance, schon sehr früh die Verantwortung für Großprojekte zu übernehmen. In der Ausstellung sind beide Gruppen (Selbstständige, unabhängige Architekten und Firmen-Angestellte) vertreten.

Die Ausstellung: Unter den in der Ausstellung präsentierten Büros befinden sich bekannte Namen wie Kazuyo Sejima (Sommerakademie Salzburg 2002) und Ryue Nishizawa. Beide waren 2000 bei einer Ausstellung in der Galerie Aedes in Berlin. Ihnen wurde eine Monografie der spanischen Publikationsreihe Croquis gewidmet, dieses Jahr erhielten sie den erstmals vergebenen Vincenzo Scamozzi-Preis in Salzburg.

Im Bau befindlich (seit 1999) ist das von Sejima und Nishizawa entworfene Museum für zeitgenössische Kunst in Kanazawa. Alle ihre Projekte zeichnen unkonventionelle, unerwartete Formen aus, die auch mit unerwarteten, neu definierten Materialien realisiert werden. So sollen bei einem zur Zeit in Planung befindlichen Einfamilienhaus in Tokyo, die Innenwände aus ein Centimeter dicken Stahlplatten errichtet werden. Ursprünglich finden die Stahlplatten im Schiffsbau Verwendung. Bei diesem Projekt möchten die Architekten durch die ungewöhnliche Materialwahl den auf Grund der kleinen Parzelle knappen Raum nicht durch dicke Mauern verkleinern.

Beispiel für eine außergewöhnliche Form ist das „Kleine Haus“ in Tokyo. Die verschobene Geometrie der Außenhaut des Baus entstand auf Wunsch des Bauherrn. Die einzelnen Etagen sollten in ihren Ausmaßen für den genau definierten Bedarf optimiert werden; daraus entstand eine Fassade, die an die untereinander versetzten Geschoßdecken angepasst ist (Foto).

Yoshiharu Tsukamoto und Momoyo Kaijima haben durch Realisierungen des von ihnen gegründeten „Atelier Bow-Wow“ auf sich aufmerksam gemacht. Ihr „Mini-Haus“ wurde in der vor zwei Jahren in Europa gestarteten Wanderausstellung „Mini-Häuser“ präsentiert und dadurch gewissermaßen zum Markenzeichen dieser architektonischen Kleinform. Die beiden Architekten beschäftigten sich intensiv mit für unsere Verhältnisse unbebaubaren Grundstücken. Die extrem dichte Baustruktur und die äußerst hohen Grundstückspreise in Tokio veranlassen Architekten zu kreativen Lösungen. In ihren eigenen Projekten versucht Tsukamoto und Kaijima, diesem Phänomen immer wieder mit einem Bautyp zu begegnen, als Forscher hat Tsukamoto diesem Thema eine Publikation mit dem Titel „les plus petites maisons“ in Anspielung an Corbusier gewidmet und lehrt an der Technischen Universität in Tokio.

Shigeru Ban konnte mit dem japanischen Expo-Pavillon in Hannover 2000 Japan besonders eindrucksvoll präsentieren. Der Pavillon hatte eine biomorph geformte, durchscheinende Außenhaut. Ähnlich einem Käferrücken präsentierte sich diese gespannte Konstruktion, die nicht zuletzt auf die bekannten, leichten Papierobjekte in japanischer Tradition anspielte (Foto).
In Anlehnung an die aktuelle Umweltproblematik wurde das Gebäude vom Architekten aus einer Papierröhren-Struktur errichtet: Errichtung, Abtragung und das Recycling sollten eine in sich geschlossene Geschichte erzählen. Der Unterschied zu einem „alltäglichen“ Gebäude besteht u.a. darin, dass dessen Geschichte (auf den ersten Blick) mit der Fertigstellung als abgeschlossen gilt. Ban engagierte als Konsulent Otto Frei, der seit seinen Olympiadächern für München als der wohl beste Statiker für Netzstrukturen gilt.

Eine gelungene Lösung fand Sunao Ando für das Atombomben-Museum in Nagasaki: mittels einer lichtdurchfluteten Großform (Stahl-Glaskonstruktion) wird die Schwere, die in der Tragik dieses geschichtlichen Ereignisses liegt, aufgehoben (Foto).

Als außergewöhnliches Projekt stellt sich auch die Seniorenresidenz von Motoyasu Muramatsu dar. Das Gebäude reagiert hervorragend auf den spektakulären Bauplatz, einer Parzelle an der steil abfallenden Pazifikküste. Durch die Auflösung der tragenden Teile als Skelett schafft es größtmögliche Offenheit und bietet den Bewohnern ein einmaliges Panorama (Foto).

Die Palette der in der Ausstellung gezeigten Gebäude deckt alle Bereiche und Maßstäbe architektonischer Aufgaben ab. Zu sehen sind beispielsweise ein Spielplatz in einem Zoo (Akiko Takahashi), interessante Einfamilienhäuser (Kazuyo Sejima, die das „kleine Haus“ in Tokio für den Walkman-Designer von Sony baute oder Manabu Chiba’s „House in Black“), große Museen (Ando Sunao: Nagasaki Atom-Bomben Museum oder Takaharu und Yui Tezuka: Matsunomyama Naturwissenschaftliches Museum), die Seniorenresidenz von Motoyasu Muramatsu, aber auch ein Riesen-Schauraum für Toyota „ToyotaMegaWeb“ (Koichi Arima) und Produktions- und Verwaltungsbauten (Kazutaka Watanabe mit OKI Electronics) sowie Schulen (Kazuo Watabe „Light Scene“).

Rund 30 Modelle zeigen neben den von den Architekten selbst gestalteten Schautafeln mit Fotos und Plänen, dass außer der Arbeit am Computer die Projekte auch in eingehenden räumlichen Studien entwickelt werden.

Die Ausstellung ist eine Eigenproduktion von Architektur im Ringturm der Wiener Städtischen in Kooperation mit der Japanischen Botschaft und der Nippon-Österreich-Japanischen Gesellschaft, Wien. Unterstützt wird die Ausstellung durch Sponsoren (siehe Folder).

Der Katalog (deutsch/japanisch/englisch): „45 unter 45 - Junge japanische Architektur.“ Verlag Anton Pustet, Salzburg und München 2002; ca. 160 Seiten mit zahlreichen Abbildungen in Farbe, mehrere Seiten Projektdarstellung jedes Architekten; Biografien, Namenregister; Einführung von Shozo Baba; Preis: 36 Euro.

Kurator: Shozo Baba (Architekturkritiker in Tokyo, langjähriger ehem. Herausgeber der Zeitschrift Japan Architect)


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