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2002.06.17 - Neues Bauen in den Alpen

Neues Bauen in den Alpen:

Großer Preis für alpine Architektur


11. Juli bis 27. September 2002


Der Alpenraum stellt besondere Anforderungen an die Architektur. Welche dies sind und wodurch sich das Bauen in dieser Region von beispielsweise in den Niederlanden oder an der Atlantikküste unterscheidet, zeigt die Veranstaltungsreihe ARCHITEKTUR IM RINGTURM im von den Vereinten Nationen ausgerufenen „Internationalen Jahr der Berge 2002“. Von 11. Juli bis 27. September 2002 werden 29 Bauten, des Wettbewerbs „Neues Bauen in den Alpen“ präsentiert, die nach dem 1. Jänner 1991 entstanden sind. Zu sehen sind auch die Siegerprojekte „Traversiner Steg“ von Jürg Conzett und die „Therme Vals“ von Peter Zumthor.

Um die herausragende Position der Berge als unverzichtbare Lebensräume weltweit ins Blickfeld zu rücken, hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen auf Initiative der Kaukasusrepublik Kirgistan das Jahr 2002 zum „International Year of Mountains“ ausgerufen. Europas bedeutendster Gebirgszug sind die Alpen, die zwischen Wien und Nizza einen Bogen von 1.200 km Länge spannen.

Bauen in den Alpen: Die mittlerweile über zehnjährige Auseinandersetzung mit Problemen und Perspektiven alpinen Bauens begann 1989 mit dem Thema „Hotelarchitektur in den Alpen 1920 bis 1940" und setzte sich 1990 mit der Ausstellung „Architektur, Natur und Technik" sowie mit dem 1992 erstmals verliehenen internationalen Architekturpreis für „Neues Bauen in den Alpen" fort. Die Ausstellung im Ringturm dokumentiert den gegenwärtigen Stand der Diskussion zu diesem aktuellen Thema der zeitgenössischen Architektur.
Das Bauen in den Alpen ist nicht nur eine besondere klimatische und technische Herausforderung, die zu ungewöhnlichen Artikulationen führen kann, sondern ebenso eine kulturelle. Der bauliche und künstlerische Umgang mit einer eindrucksvollen und sich in Extremen inszenierenden Natur und Landschaft kann ebenso Kräfte der Beharrung wie der Veränderung freilegen.
In den Alpen haben sich Baukulturen entwickelt, die unter dem Einfluss unterschiedlichster geistiger Zentren im Gegenstand „Bergwelt“ etwas gemeinsames gefunden haben. Das Bauen in den Alpen ist zu einem eigenständigen, komplexen und komplizierten Thema der Architektur und der modernen Zivilisation geworden, zu
einer überregionalen Herausforderung des Bauens in dieser Region.

Der Preis: Seinem Anspruch nach versteht sich der Architekturpreis „Neues Bauen in den Alpen" vor allem als kontinuierliche Recherche über alpines Bauen im Spannungsfeld zwischen bäuerlicher Tradition und moderner Interpretation vor dem Hintergrund einer zunehmenden Gefährdung der Alpenregion durch Belastungen, die der sich ausbreitende Fremdenverkehr mit sich bringt. In Abgrenzung zu den bekannten Tendenzen, die Alpen flächendeckend in einen Freizeit- und Actionpark oder ein folkloristisches Disneyland zu verwandeln, geht es um ein zeitgemäßes Verständnis der alpinen Kultur, die Definition einer neuen Authentizität jenseits der üblichen Klischees und theatralen Inszenierungen.
Ziel des Preises ist es, exemplarische Bauten und Projekte aufzuspüren, um einerseits das zeitgemäße Bauen in den Alpen zu fördern und andererseits moderne Architektur als wichtiges kulturelles Anliegen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Gestiftet wurde der 1999 mit 20 Millionen Lire (10.000 Euro) dotierte „Große Preis für Alpine Architektur" von der Gemeinde Sexten, einem Fremdenverkehrsort mit 1.800 Einwohnern in den Südtiroler Dolomiten. Um der inzwischen erlangten internationalen Anerkennung des Preises gerecht zu werden und den Informationsaustausch im Alpenraum zu verdichten, erfolgte die Preisverleihung 1999 in Zusammenarbeit mit dem Architekturforum Tirol in Innsbruck, der Architekturgalerie in München und der maison d'architecture in Grenoble. Berücksichtigt wurden Arbeiten, die sich im Alpenraum befinden und nach dem 1. Jänner 1991 fertiggestellt wurden.
Die Besichtigung der Bauten (76 Projekte nach der Vorauswahl aus 153 eingereichten) ist wesentliches Element des Bewertungsprozesses. Denn nicht selten wird ein - nur aufgrund von Plänen, Texten und Fotos gebildetes - Urteil vor Ort wieder revidiert. Regionale Unterschiede werden so unmittelbar erlebbar - etwa die gebaute Dichte in Vorarlberg und Graubünden, wo die Sensibilisierung für moderne Architektur so weit fortgeschritten ist, dass ihre Präsenz bereits bei einer normalen Reise durch das Land spürbar wird.
Die Mitglieder der Jury kommen aus den verschiedenen Alpenländern: Friedrich Achleitner (Wien), Sebastiano Brandolini (Mailand), Manfred Kovatsch (München), Marcel Meili (Zürich) und Bruno Reichlin (Genf). Der Preis wird im Vier-Jahres-Rythmus vergeben. Die nächste Preisverleihung erfolgt im Jahr 2003 in Sexten.

Die Siegerprojekte: Der „Große Preis für Alpine Architektur" (vormals: „Auszeichnung für Neues Bauen in den Alpen“) ging 1999 gleich an zwei Projekte: Die Therme in Vals (Graubünden, Schweiz, 1996) vom Architekten Peter Zumthor und den Traversiner Steg (Graubünden, Schweiz 1996) vom Ingenieur Jürg Conzett. Darüber hinaus ist die Auszeichung dieses Mal als Spezialpreis zu sehen: Sie würdigt gleichzeitig das bisherige Lebenswerk der beiden Preisträger, denn sowohl Zumthor als auch Conzett haben die Arbeiten der drei bisher statt gefundenen Wettbewerbe stark mitgeprägt.
Ein Ehrenpreis ging an Edoardo Gellner (Cortina/Italien). Seine Strukturuntersuchungen der friaulischen Bergdörfer, zahlreichen typologischen und morphologischen Studien der Architektur seiner Region sowie die Umsetzung seiner Recherchen in neue Bebauungskonzepte und Haustypologien machen ihn zu einem großen Bauforscher der Moderne.

Peter Zumthor (Haldenstein/Schweiz) hat mit der Kapelle in Sogn Benedegt bereits den Preis der ersten Ausschreibung 1992 gewonnen. Drei Jahre später war er wieder mit zwei Bauten in der Ausstellung vertreten. Den Spezialpreis für sein Lebenswerk erhielt er nicht nur für seine Bauwerke, sondern auch für seinen Einfluss auf die architektonische Kultur in Graubünden.

Das neue Thermalbad in Vals wurde zwischen 1996 und 1998 errichtet und ersetzte die bereits baufällig und zu klein gewordenen Badeanlagen der sechziger Jahre. Der Solitärbau ist ein mit der Flanke des Berges verzahnter, grasüberwachsener Steinkörper, der tief in die Hangkante eingelassen wurde. Der Gast erreicht die Therme über einen unterirdischen Verbindungsgang vom Hotel. Im Zusammenhang mit der Bauaufgabe war es wesentlich, das neue Thermalbad in ein besonderes Verhältnis zur ursprünglichen Kraft und geologischen Substanz der Berglandschaft und dem eindrücklichen Relief der Topografie zu setzen. Das neue Bauwerk vermittelt das Gefühl, es sei älter als seine bereits bestehenden Nachbarn und in dieser Landschaft schon immer dagewesen.

Dass mit Jürg Conzett (Chur/Schweiz) ein Bauingenieur für seine Beiträge ausgezeichnet wurde, überrascht nicht: Denn beim Bauen in den Bergen ist der Statiker und Konstrukteur auch heute noch mit ungewöhnlichen Herausforderungen konfrontiert. Mit dem Traversiner Steg ist Conzett 1999 erstmals mit einem eigenen Werk vertreten. Jedoch hat er in den letzten Jahren an acht der prämierten Werke mitgebaut. Unter anderem an Zumthors Kapelle und dem Steg über die steirische Mur (entworfen von den Zürcher Architekten Meili und Peter) in Murau. Gewürdigt wurde wie bei Zumthor nicht nur seine Leistung als Ingenieur, sondern auch sein fachliches und kulturelles Engagement.
Conzett überlagert das streng gefasste Arbeitsfeld mit sozusagen „privaten“ Fragestellungen, indem er eigene Themen und Interessen ins Spiel bringt, Strukturfragen oder konstruktive Forschungsfelder. In der disziplinierten Version des Steges, die diese komplementären Denkmuster deutlicher macht als kein anderes Bauwerk, steht die Arbeit in bester Tradition großer Ingenieurleistungen: dort nämlich, wo der unsichtbare aber spürbare und angespannte Verlauf von Kräften ein imaginärer aber unverzichtbarer Teil der Form wird, eine eigentliche skulpturale Kraft.
Der Traversiner Steg zeichnet sich durch die enorme Auslenkung der Seilkonstruktion - einem monumentalen flirrenden Raum zwischen Kabeln und Holzstäben - sowie dem minimalen Gewicht des Tragwerkes und einer feingliedrigen, elastischen Konstruktion aus. Ein „filigranes Gespinst“, das zu fliegen scheint und nur in zwei Punkten „die Welt“ berührt. Die „wilde“ Natur liefert die Szenerie: Steilhang, Wald, Schlucht und Wildbach – ein größerer Kontrast ist fast nicht denkbar.

Die Ausstellung: Insgesamt werden 29 Projekte aus der engeren Auswahl (zwei erste Preise, 14 Auszeichnungen und 13 Anerkennungen von 153 eingereichten Arbeiten) von 27 Architekten mittels Plänen, Fotos, Skizzen sowie Modellen gezeigt. So sind auch zehn Bauten in den österreichischen Alpen vertreten, u.a. die Wohnanlage in St. Anton/Tirol von Raimund Rainer und Andreas Oberwalder, das Gebäude der Kärntner Landesausstellung von Günther Domenig und Hermann Eisenköck, ein Terrassenwohnhaus in Seefeld/Tirol von Henke & Schreieck; die Volksschule in Marul/Vorarlberg von Bruno Spagolla und das Haus für einen Pianisten in Weerberg/Tirol von Margarethe Heubacher-Sentobe.

Der Katalog (deutsch/italienisch): „Neues Bauen in den Alpen. Architekturpreis 1999“. Verlag Birkhäuser – Basel, Boston, Berlin 2000. 265 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Beiträge u.a. von Christoph Mayr Fingerle, Friedrich Achleitner, Sebastiano Brandolini, Manfred Kovatsch, Marcel Meili, Bruno Reichlin. Preis 52,51 Euro.

Kurator: Christoph Mayr Fingerle

Die ausgestellten Projekte

Walter Angonese & Markus Scherer
Kellerei Hofstätter, Tramin, Südtirol, Italien (AN)*

Valentin Bearth & Andrea Deplazes
Schule in Vella, Graubünden, Schweiz (AN)*

Gion A. Caminada
Schule in Duvin, Graubünden, Schweiz (AZ)*
Ortsgestaltung von Vrin, Graubünden, Schweiz (AZ)*

Raffaele Cavadini
Friedhofserweiterung von Iragna, Val Riviera, Tessin, Schweiz (AN)*

Conradin Clavuot
Schule in St. Peter, Graubünden, Schweiz (AZ)*

Jürg Conzett
Traversina Steg, Via Mala, Rongellen, Graubünden, Schweiz (Sieger)

Robert Danz
Glasdach auf Schloss Juval, Naturns, Südtirol, Italien (AZ)*

Günter Domenig & Hermann Eisenköck
Kärntner Landesausstellung, Hüttenberg-Heft, Österreich (AZ)*

Roberto Gabetti & Aimora Isola, Guido Drocco
Wohnhaus und Hotel in Sestriere, Piemont, Italien (AZ)*

Arnold Gapp & Leo Gurschler, Christoph Vinatzer
Verbandssitz in Latsch, Südtirol, Italien (AN)*

Erich Gutmorgeth & Helmut Seelos
Kindergarten in Kematen, Tirol, Österreich (AN)*

Andreas Hagmann & Dieter Jüngling
Schule in Mastrils, Graubünden, Schweiz (AZ)*

Dieter Henke & Marta Schreieck
Terrassenwohnbau in Seefeld, Tirol, Österreich (AZ)*

Isabel Hérault & Yves Arnod
Informationsstelle der Vallé du Ferrand, Miozen, Frankreich (AZ)*

Margarethe Heubacher-Sentobe
Studio für einen Musiker, Weerberg, Tirol, Österreich (AZ)*

Hermann Kaufmann
Reithalle in St. Gerold, Vorarlberg, Österreich (AZ)*

Leopold Kaufmann
Golmerbahn, Montafon, Vorarlberg, Österreich (AN)*

Daniele Marques
Umbau eines Stadels in Bergün, Graubünden, Schweiz (AN)*

Stephane de Montmollin & Brigitte Widmer
Berghütte auf dem Plateau de Saleinatz, Wallis, Schweiz (AN)*

Valerio Olgiati
Schule in Paspels, Graubünden, Schweiz (AZ)*

Martino Pedrozzi
Wochenendhaus in den Bergen von Semione, Tessin, Schweiz (AN)*

Raimund Rainer & Andreas Oberwalder
Wohnanlage in St. Anton, Tirol, Österreich (AZ)*

Helmut Reitter
Freizeitpark Zell am Ziller, Tirol, Österreich (AN)*

Hans-Jörg Ruch
Unterwerk Silvaplana, Albanatscha, Graubünden, Schweiz (AZ)*
Hotel Pontresina, Graubünden, Schweiz (AN)*

Thomas Schnizer
Fussgängerbrücke in Landeck, Tirol, Österreich (AN)*

Bruno Spagolla
Volksschule in Marul, Vorarlberg, Österreich (AN)*

Peter Zumthor
Therme Vals, Graubünden, Schweiz (Sieger)


(AZ)* = Auszeichnung
(AN)* = Anerkennung


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