DESIGNINITIATIVE WERKRAUM BREGENZERWALD
17. April bis 28. Juni 2002
In der Veranstaltungsreihe ARCHITEKTUR IM RINGTURM präsentiert die Wiener Städtische von 17. April bis 28. Juni 2002 „Wohnen und Einrichten“ aus dem Bregenzerwald. 39 neu entwickelte und in Vorarlberg auf höchstem handwerklichen Niveau hergestellte Einrichtungsgegenstände werden in der Ausstellung „Möbel für alle. Designinitiative Bregenzerwald“ gezeigt. In bester „Wiener Tradition“ wird Architektur - wie bei Otto Wagner oder Adolf Loos - über die Hülle hinaus bis zur Einrichtung und dem Möbel verstanden.
FÜHRUNG
mit Univ.-Prof. Roland Gnaiger (Ausstellungskurator)
Datum: Freitag, 26. April 2002
Zeit: 16:00 bis 18:00 Uhr
Ort: Ausstellungszentrum im Ringturm, Schottenring 30, 1010 Wien
Anmeldung:
b.reitbauer@staedtische.co.at
Eintritt frei!
Während heute die Gestaltung von Wohnungsgrundrissen von einer industriell gefertigten Massenware ausgeht, lassen sich Möbel, die neuer, qualitätsvoller Architektur entsprechen, sehr schwer aus dem gängigen Angebot herausfiltern. Dabei haben Veränderungen in Lebensweise, wirtschaftlicher und sozialer Struktur in den letzten Jahrzehnten die Vorstellungen von Wohnweise ebenso wie die Anforderungen an unser Mobiliar verändert.
Möbel für alle: Die Einrichtungsgegenstände zielen auf ein Interaktionsverhalten mit dem Benutzer ab. Angeregt wird dies durch die Veränderbarkeit und die individuelle Verwendbarkeit der Möbelstücke. Beispielsweise gibt es wandelbare Ausziehtische, die Bank wird zum Gästebett oder der Hocker zur Bank und die Sitzmöbel lassen eine bequeme, legere Sitzhaltung zu.
Durch die Möbel werden Begegnung und Auseinandersetzung im realen täglichen Lebensraum in Gang gebracht. Die Objekte sind am (all)täglichen Gebrauch orientiert und geben Anregung zur Kommunikation, wie beispielsweise der zerlegte Tisch portable, der bei Eintreffen von Gästen rasch zusammengebaut benutzbar steht oder der Bücherturm, der in der Raummitte aufgestellt Freiraum für Gespräch und Aktivität schafft.
Im Ausstellungstitel „Möbel für alle“ steckt - in Anspielung auf die gleichnamige Bewegung der 50er Jahre - „soziale Wohnkultur“. So wie im Wohnbau auf soziale Aspekte und die Gebräuchlichkeit der errichteten Bauten geachtet wird, so wird auch mit den vorliegenden Objekten versucht, Lebensqualität in nächster Umgebung zu schaffen.
Der Begriff sozial bezieht sich darüber hinaus auf die sorgsame Berücksichtigung der gesamtökologischen Verträglichkeit. Das nach Möglichkeit vor Ort gewonnene Material, ein geringer Transportanteil sowie eine möglichst hohe Wertschöpfung im Bregenzerwald verschieben die - heute heiß diskutierte - regionale Entwicklung in den Kontext des „Sozialen“ (z.B. Arbeitsplatz im Lebensumfeld).
Die Ausstellung: Gezeigt werden Unikate von Handwerkern, Architekten und Designern. In neuen Formen der Zusammenarbeit (offene Arbeitssitzungen mit Designern, Produzenten, Nutzervertretern, Werkraum-Organisatoren und Kuratoren) wurden in mehreren Entwicklungsschritten einerseits bereits vorhandene Möbel weiterentwickelt, andererseits aber auch Möbel eigens für die Ausstellung neu entworfen - von der Hängematte bis zum Kochherd, vom Home Office bis zum Raumteiler. Die Kuratoren Roland Gnaiger und Adolph Stiller begleiteten die Projekte im Laufe des vergangenen Jahres bis zur Produktionsreife.
Die neu entwickelten Einrichtungsgegenstände haben bereits in Vergessenheit geratene Möglichkeiten der Fertigung wiederbelebt, z.B. Holzverbindungen wie Graten, Zinken etc. Zugleich wurden unauffällige Beschläge und Holzverbindungen ganz neu entworfen. Aus der Einfachheit der Gestalt der Möbelstücke lässt sich das hervorragende handwerkliche Geschick vorindustrieller Zeit erkennen (z.B. beim „Tisch ein mal eins“). Die bei vielen Objekten erreichte Einsparung an Gewicht bei voller Stabilität kommt der Leichtigkeit der Gesamterscheinung sowie der Mobilität im Raum zugute.
Durch die Konzentration auf das Wesentliche kommt eine Klarheit zur Wirkung und der Aufbau wird überschaubar. Aus einer solchen „Rückbildung“ (André Malraux) entsteht eine dichte Art von Einfachheit, die als Zeichen für eine Hinwendung zum Grundlegenden zu sehen ist.
Die Ausformung mancher Möbel lässt Grundgestalten aus einer Zeit vor dem Überfluss erkennen. Die diesen anhaftende „alte Schwere“ ist jedoch in den ausgestellten Stücken aufgehoben. Es können Objekte alter Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen assoziiert werden.
Die sich bei jedem Werk (der Architektur) ergebende Frage nach dem „Drinnen“ beziehungsweise „Dahinter“ wird in der Ausstellung durch 39 konkrete Objekte beantwortet und durch kurze Texte erläutert. Für jede Altersgruppe (z.B. vom Babybett bis zum Doppelbett) sowie für jede Wohnfunktion (liegen, sitzen, essen, lesen etc.) finden sich geeignete Objekte. Alle Möbel können vom Besucher der Ausstellung getestet werden und über eine Bestellkarte beim Werkraum käuflich erworben werden.
Die Werkstoffe: Gefertigt wurden die Objekte vornehmlich aus dem regional vorherrschenden, traditionellen Werkstoff Holz sowie aus hochwertig verarbeitetem Metall oder textilen Materialien. Durch die Höhenlage von durchwegs über tausend Metern zeigen Holzarten, wie z. B. Ahorn, Fichte, Buche, ein ruhiges Wuchsbild, das sich durch langsamen und gleichmäßigen Wuchs auch in der Stabilität der Verbindungen auszeichnet. Weltweit einzigartig steht auf Grund geschlossener Bewaldung und Bewirtschaftung das Holz der Weißtanne zur Verfügung. Durch das Zusammenspiel dieser Rohmaterialien, der entwerferischen Leistung und dem handwerklichen Können entsteht Einzigartiges, das Aufmerksamkeit erweckt: Das sorgsam ausgewählte Material ist in seiner Dichte und Maserung als solches - genauso wie auch Metall und Textiles - wieder begreif- und spürbar.
Designinitiative „Werkraum Bregenzerwald“: Die Handwerkertradition im Bregenzerwald wurde im Jahr 1999 durch den Zusammenschluss moderner und der Technik zugewandter Betriebe - darunter ein knappes Drittel Tischler - zum Verein „Werkraum Bregenzerwald“ belebt. Laufend bietet diese Institution als Service für mittlerweile 100 Mitglieder institutionalisierte Hilfestellung in den Bereichen Vermarktung, Produkt- und Designinnovation sowie Aus- und Weiterbildung. Bau-Kultur steht dabei als Überbegriff für das Engagement in Fragen der regionalen Entwicklung. Der Verein hat die Ausstellung „Möbel für alle“ als Partner mitermöglicht.
Die international anerkannte Vorarlberger Architektur sorgt für befruchtende Anstöße im Handwerk und umgekehrt. Zum traditionellen Aufgabenbereich des Innenausbaus tritt mehr und mehr die Auseinandersetzung mit dem Objekt und dem mobilen Möbel. Im Zuge neuer alltagsästhetischer Orientierungen werden an den Handwerker auch andere Ansprüche gestellt, die eine klare Positionierung erfordern. Zur sorgfältigen und nutzungsgerechten Herstellung kommt die konzeptive gestalterische Linie, die neben dem Architekten nun auch den Gestalter und Designer einbindet.
Erste Ansätze einer Neuorientierung waren bereits in der 1991 vom Handwerkerverein Andelsbuch organisierten Ausstellung handwerk + form zu sehen, wo die eingereichten Arbeiten von einer überregionalen Jury nach festgelegten Kriterien bewertet wurden. Die reflektierte und regelmäßige Weiterführung von handwerk + form als Wettbewerb zählt heute zu den Hauptaktivitäten des Werkraum. Die bei der handwerk + form 2000 präsentierten und nach den Kriterien von Form, Materialgerechtigkeit, Zweckmäßigkeit und Alltagstauglichkeit bewerteten Objekte bilden die Basis für die Ausstellung.
Die Gestalter: Georg Bechter (Schaukelliege); Martin Bereuter (Kindermöbel); Anton Devich (Holzschuhe); Helmut Dietrich (Raumteiler); Hugo Dworzak (Lichtparavent); Robert Fabach + Heike Schlauch (Schubkasten); Irmgard Frank (Trommelmöbel); Helmut Galler (Damenschreibtisch), Karl-Heinz Gasser (Gästebett); Roland Gnaiger (Regalsystem, Alltagstisch) ; Reinold Knapp (Tisch Portable, Hocker); Kaufmann Holz AG (Quickport); Rita Meusburger (Filzschuhe); Johannes Mohr (Sitzbank, Filzpolster u. –Babytragtasche, Liege); Marga Persson (Teppiche); Bruno Reichlin / Gabriele Geronzi (Sessel); Wolfgang Ritsch (Schrank); Ferdinand Rüf (Metallschrank); Rüscher GmbH/Christian Rüscher (Heimbüro); Markus Schatzmann (Schulmöbel mit Sessel); Hubert Schuller (Sessel); Christian Steiner (Polstersessel, Metalltisch); Adolph Stiller (Bett); Rüscher GmbH/Siegfried Türtscher (Waschtisch aus Holz); Ewald Voppichler (Zylinderofen, Küchenherd)
Die Produzenten: F. Bereuter, Devich KG, R. Dür, J. Eberle, P. Figer, Holz Werkstatt M. Faißt, M. Kaufmann, J. Köss, F. Mätzler GmbH, Mellau-Teppich Lotteraner Wüstner GmbH, B. Meusburger, Tischlerei Meusburger, A. Mohr, Mohr Polster, Rüscher GmbH, school modul, Tischlerei Schmidinger, Ofenbau E. Voppichler
Der Katalog: Im Katalog zur Ausstellung werden Themen, wie Alltagstauglichkeit von Möblierung, soziale Wohnkultur, Raum- und Materialnutzung durch fachkundige Autoren und mittels umfangreichem Bildmaterial erläutert. Die 39 Objekte sind in ganzseitigen Fotos, Übersichtsplänen und Beschreibungen zu Material und Funktionsweise dargestellt. Es wird auf Fragen, wie dem architektonischen Background in Vorarlberg, dem kulturgeschichtlichen Kontext, der Entstehung des Projekts, des Designs im Allgemeinen, der Nutzung und Alltagstauglichkeit sowie weiteren Themen über die Beziehung zwischen Architektur und Möbel nachgegangen.
Beiträge u.a. von Florian Aicher, Roland Gnaiger, Otto Kapfinger, Herbert Muck, Georg Schöllhammer, Adolph Stiller, Gerlind Weber; ca. 130 Seiten, großteils farbige Abbildungen; Verlag Anton Pustet, Salzburg, Preis 36 Euro.
Kuratoren: Roland Gnaiger und Adolph Stiller