Amerikanische Hochhausarchitektur von 1850 bis 1940 anhand von originalen Ansichtskarten
11. Juli bis 21. September 2001
In der Veranstaltungsreihe ARCHITEKTUR IM RINGTURM präsentiert die Wiener Städtische vom 11. Juli bis 21. September 2001 nordamerikanische Hochhausarchitektur von 1850 bis 1940 anhand originaler Ansichtskarten.
Die Ausstellung lädt den Besucher zu einer „poetisch-architektonischen“ Reise ein, die von New York nach Chicago, von Detroit über Boston nach Philadelphia und Los Angeles führt. 800 originale Ansichtskarten zeigen neben berühmten Wolkenkratzern, auch Beispiele noch unentdeckter amerikanischer Hochhausarchitektur. Die Vielzahl der Postkarten veranschaulicht den historischen Beginn der architektonischen Herausforderung Hochhaus und reicht bis zum Entstehen überdimensionaler Skyscrapers in den 40-er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Der Wolkenkratzer: Vor der Ära der Wolkenkratzer, die um 1850 einsetzte und durch den Wiederaufbau von Chicago nach dem großen Brand von 1871 wirklich „losbrach“, gab es kaum Gebäude, die höher als fünf Stockwerke waren. In dieser Zeit waren die Kauf- bzw. Mietpreise umso niedriger, je höher die Etage lag; mit ein Grund dafür war das Fehlen von Aufzügen.
Wolkenkratzer sind eine Synthese aus Elektrizität, Stahlträger und Aufzug. Das erste Bürogebäude in New York mit hydraulischen Personenaufzügen war das Equitable Building (Architekten Gilman, Kendall & Post, 1870), in Chicago das Time and Life Building (Architekt William LeBaron Jenney, 1868). 1903 wurde der erste, zahnradlose elektrische Aufzug in einen Wolkenkratzer eingebaut. In der Anfangszeit fuhren die Lifte mit einer Geschwindigkeit von 0,2 Meter in der Sekunde. Heute „schießen“ sie mit 12 Meter pro Sekunde nach oben.
Downtown in manchen Großstädten wurden Wolkenkratzer in einem so engem Patchwork errichtet, dass die dadurch entstandenen tiefen Häuserschluchten der Stadt kaum mehr Licht und Luft zum Leben ließen. Baugesetze wurden notwendig. Das Equitable Building (Nachfolgebau, Architekt Ernest R. Graham, 1868-1936) wurde Auslöser für die 1922 beschlossene Zoning Resolution. Dieses Gesetz begrenzte die Gebäudehöhe und schrieb den Bauherrn eine „Verjüngung der Gebäudemasse nach oben hin“ vor. Weiters wurde durch die neue Regelung die Nutzungsfläche eingeschränkt: Die verbaute Gesamtfläche durfte in Zukunft maximal zwölf Mal größer sein als die Grundfläche des Hochhauses. Beim Equitable Building war die Nutzfläche sogar dreißig Mal größer als die Grundfläche.
Weitere baugesetzliche Änderungen bewirkten, dass immer mehr Wolkenkratzer gebaut werden durften. So wurden u.a. Bauten für kulturelle Zwecke größere Bauhöhen zugestanden. Der Wettlauf um den Höhenrekord startete - und er hält bis heute an. Die offizielle Liste der hundert höchsten Gebäude der Welt wird ständig revidiert. Abtragungen, Feuer und Erdbeben zerstörten bedeutende Wolkenkratzer im Laufe der Zeit. So mancher hochgeschossige Bau in der U.S.A. wurde ersetzt durch einen zweiten, dritten oder sogar vierten. Die einzige Erinnerung an viele dieser „verlorenen“ Häuser und an eine vergangene Epoche sind bisweilen originale Ansichtskarten.
Die Ausstellung: Die Ausstellung widmet sich verschiedenen Baustilen wie dem Eklektizismus oder Jugendstil, der Neugotik, dem Historismus, dem Art Deco, dem Tropischen Deco und dem International Style. Die Metropolen New York und Chicago sind in der Schau am stärksten vertreten, da sie die attraktivsten und zahlreichsten Wolkenkratzer aufweisen. Beispiele aus New York: Empire State Building (William Lamb, Schreve & Harmon Ass., 1929/31: 102 Geschoße, 73 Aufzüge, beherbergt 15.000 Personen), Flat Iron Building (D. H. Burnham, 1901-03), Lincoln Building (Co J. E. Carpenter, 1929-30), Paramount Building (Rapp & Rapp, 1926/27), Woolworth Building (Arch. Cass Gilbert, 1910/13). Beispiele aus Chicago: Tribune Tower (Arch. Hood & Howells, 1923/25), Wrigley Building (Arch. Graham, Anderson Probst & White, 1919/22), Palmolive Building (Arch. Holabird & Root, 1929) oder das Pure Oil Building (Frederick P. Dinkelberg, 1924/26).
Einige Hochhäuser aus Amerika haben auch für die Architekturgeschichte Wiens Bedeutung: Adolf Loos hatte von 1893-96 in New York und Chicago gelebt. Seine Eindrücke und Erfahrungen hat er nicht nur in seinen polemischen Zeitungsartikeln zur Rückständigkeit der Wiener Baukultur ausgedrückt; sie haben auch in seinem gebauten Werk Spuren hinterlassen. Unübersehbare Referenzen gibt es u.a. in Chicago: zum Auditorium Building (Adler & Sullivan, 1889), zum Fine Art Building (ursprünglich Studebaker Building, Arch. S. S. Beman, 1884), zum Fair Store (Arch. William Le Baron Jenny, 1881), aber auch in St. Louis zum Union Trust Building (Louis Sullivan, 1892/93).
Ein weiteres Gebäude, das für die Entwicklung der Moderne in Wien eine Rolle spielte, ist das Palmer Building (Architekten Holabird & Roche, 1924/25: Hotel mit 2.268 Zimmern und 23 Geschoßen). An diesem Objekt wirkte der eben in die USA gekommene Wiener, Richard Neutra mit, das er durch seine 1927 erschienene Publikation „Wie baut Amerika?“ hier zu Lande bekannt machte.
Gezeigt werden aber auch zahlreiche Postkarten aus Detroit, Philadelphia, San Francisco, Baltimore, Boston, Cleveland, Los Angeles, Washington etc. Darüber hinaus sind Ansichtskarten mit spektakulären Brückenbauten oder wichtigen Industriekomplexen zu sehen.
Die „aus der Erde wachsenden Gebäude und Wolkenkratzer“ waren oft schon vor der Fertigstellung berühmt und bisweilen existierten Ansichtskarten bereits vor der offiziellen Eröffnung. Postkarten, die zwischen 1870 bis ca. 1930 entstanden, werden heute vintage cards genannt. Aufwändige Herstellungsverfahren, mitunter auch handkolorierte Exemplare, zeichnen diese gegenwärtig wertvollste „Generation“ von Postkarten aus. Danach setzten sich der Vierfarbdruck sowie andere moderne Reproduktionsverfahren zunehmend durch und Massenware kam auf den Markt.
In der Ausstellung werden auch die verschiedenen grafischen Verfahren zur Herstellung der Ansichtskarten dargestellt. Begriffe wie Lithografie, Fototypie, Tiefdruck, Gummidruck, Offset etc. oder die Herstellung der berühmten Leinenkarten werden anschaulich erläutert.
Sammlung Luc Van Malderen: Die gezeigten Postkarten stammen aus der bedeutenden, über 6.000 Stück umfassenden Sammlung des Grafikers Luc Van Malderen. Der Belgier sammelt seit rund 15 Jahren Postkarten aus den Vereinigten Staaten. Gefunden hat er sie in den USA sowie in den Benelux-Staaten, Frankreich, Deutschland und England. Eine von der anderen Seite des Atlantik stammende Karte war allein schon deshalb wertvoll, weil sie eine weite Reise mit der Eisenbahn und dem Schiff hinter sich hatte. Heute sind die Postkarten wichtige Belegstücke für Museen, Architekturarchive und Forscher.
Die Ausstellung „Wolkenkratzer“ war im Jänner dieses Jahres in der Fondation pour l’Architecture in Brüssel erstmals zu sehen.
Der Katalog (in englischer Sprache): Die Ausstellung wird von einem umfassenden Katalog begleitet. American Architecture. A vintage postcard collection. Herausgegeben von Luc Van Malderen. Mit einem Vorwort von Cesar Pelli. 220 Seiten mit zahlreichen Abbildungen (in Farbe). Verlag Images Publishing, Mulgrave, Australia. Erscheinungsjahr: 2000. Preis 750 Schilling.
Kurator: Luc Van Malderen für die Fondation pour l’architecture, Brüssel