Ein Jahrhundert Städtebau und Baukunst
7. März bis 12. April 2001
In der Veranstaltungsreihe ARCHITEKTUR IM RINGTURM zeigt die Wiener Städtische von 7. März bis 12. April 2001 architektonische Leistungen des 20. Jahrhunderts in Luxemburg, dem Land am Schnittpunkt frankophoner und deutschsprachiger Kultur.
In der für ARCHITEKTUR IM RINGTURM erarbeiteten Ausstellung wird erstmals die umfangreiche historische Bandbreite, in der die Architektur in Luxemburg im 20. Jahrhundert entstehen konnte, der Öffentlichkeit präsentiert.
Wesentlich bei der Betrachtung jeder kulturellen Aktivität im Großherzogtum Luxemburg sind folgende Gegebenheiten:
Der Städtebau: Historisch gesehen hatte die Stadt Luxemburg ihren stärksten baulichen Entwicklungsschub ab 1867 – nach dem Abtragen der Befestigungen, das ein sehr großes Areal freisetzte – bis in die 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Stadt dehnte sich nach Norden, Westen und Süden aus. Eine intensive Bautätigkeit entwickelte sich zunächst in den Stadtteilen nahe dem Zentrum, wo Wohnungen errichtet wurden. Im Bahnhofsviertel (im historistischen Stil) auf dem gegenüberliegenden Plateau entstand ein gemischtes Wohn- und Geschäftszentrum. Durch Eingemeindung von expandierenden Randgemeinden im Jahre 1920 vergrößerte sich die Stadt noch einmal um ein Vielfaches.
Die Bebauung folgte nur zum Teil städtebaulichen Planungen, obwohl renommierte Fachleute hinzugezogen wurden. Insbesondere wurden zwei ausländische Spezialisten – beide renommierte Garten- bzw. Stadtplaner des frühen 20. Jahrhunderts – nach Luxemburg berufen, um Bebauungspläne für die Hauptstadt zu entwerfen: Edouard André aus Frankreich und Josef Stübben aus Deutschland. Für die Altstadt wurde erst in den 60er-Jahren ein Plan beschlossen (1964 von Pierre Vago).
Architekt und Landschaftsplaner Edouard André zeichnete für die Parkanlagen im romantischen Stil verantwortlich, u.a. war er der Schöpfer des Parks der „Buttes Chaumont“ in Paris. Der Städtebauer Josef Stübben, der 1924 auch den Stadterweiterungsplan für Esch an der Alzette, der zweitgrößten Stadt des Landes, lieferte, arbeitete 1901 den Plan für die Stadterweiterung auf dem Bourbon-Plateau aus. Für diese Ausdehnung waren weit gespannte Brücken notwendig. So ist der Hauptbogen der Adolphe-Brücke (1901 - 1903, Ingénieur Paul Séjourné) mit 84 Metern Spannweite noch heute das am weitesten gespannte Gewölbe aller Steinbrücken Europas.
Einen weiteren großen Schub in der städtebaulichen Entwicklung – diesmal internationaler Dimensionen – stellt die Stadterweiterung auf dem Plateau Kirchberg dar, das in unmittelbarer Nähe zum Zentrum liegt. Architektonische Fixierungspunkte wurden hier durch das neue Stadttheater (Arch. Bourbonnais, 1959 - 1964) und das bis heute einzige Hochhaus (Place de l’Europe, Arch. G. Witry u. M. Mousel, 1960 - 1965), quasi als Endpunkte einer gedachten städtebaulichen Tangente, gesetzt.
Die Architektur: In der Architektur Luxemburgs hatte der Historismus lange Bestand. Bis Ende der 20er-Jahre scheint es kein „Neues Bauen” zu geben. Erst 1929 findet mit der Ausstellung „Wie wohnen?” eine erste große öffentliche Manifestation moderner Architektur in Luxemburg statt.
Aus den 30er-Jahren bis zu den 50er-Jahren werden hervorragende, bislang oft unentdeckt gebliebene Bauten gezeigt. Die Highlights darunter belegen die Verbundenheit des Landes mit den Avantgarden der Nachbarstaaten. Dazu zählen Bauten von Architekten der Elite der Modene, wie z.B. von Otto (Entbindungsheim Maternité, 1936), Hans Poelzig (Holzhaus, 1922) oder Jean Prouvé („Aquarium“, ein Anbau an das ehemalige Casino der EGKS/Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, 1960). Diese Bauten bilden gleichzeitig den historischen Kontext für Werke der zeitgenössischen Baukunst, die in einer Vielzahl hervorragender Einzelleistungen über das Land verstreut in den vergangenen Jahren realisiert wurden.
1976 baute Robert Krier, der wohl bekannteste aus Luxemburg stammende Architekt, sein auf einen Kubus reduziertes Einfamilienhaus „Dickes“. Wenn es auch ein unscheinbarer Beitrag zur Architektur dieses Landes sein mag, so hat es eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf die Aufbruchstimmung und die weitere Entwicklung der Architektur bis weit in die 80er-Jahre.
Das zeitgenössische Baugeschehen: Der Schwerpunkt der repräsentativen Schau im Ringturm liegt im zeitgenössischen Baugeschehen.
Seit jeher wurde die Luxemburger Architektenschaft, durch das Fehlen einer universitären Ausbildungsstätte, im Ausland ausgebildet. Dies lässt auch Einflüsse des jeweiligen Studienlandes in ihrer Arbeit durchscheinen. Die heute bauende, jüngere Architektengeneration ist mit 25 Projekten vertreten, die durch die Fondation de l’Architecture ausgewählt wurden. Einige der in der Ausstellung präsentierten Architekten absolvierten ihre universitären Studien in Österreich (u.a. Hermann&Valentiny/Hochschule für Angewandte Kunst, Michel Petit/TU Wien, Alain Linster/TU Innsbruck).
Das Plateau Kirchberg: Die Architektur auf der bereits erwähnten Stadterweiterung auf dem Plateau Kirchberg wird in der Ausstellung ausführlich behandelt. Hier siedelten sich seit den späten 50er-Jahren u.a. der Europäische Gerichtshof (1968 - 1973, Arch. Jean Paul Conzemius), oder die Europäische Investitionsbank (1973 – 1980 Arch. Denys Lasdun) an. Seither hat sich eine Reihe von internationalen Banken ihren Sitz von namhaften Architekten errichten lassen: Richard Meier (HypoBank, 1990 - 1993) Gottfried Böhm (Deutsche Bank, 1991), Atelier 5 (Hypo Vereinsbank, 1998) und P. Bohler (Banque Générale du Luxembourg/ Inneneinrichtung Jim Clemes).
Zurzeit ist in diesem neuen Stadtteil eine städtebauliche Verdichtung und Neuorientierung im Gange. Einerseits soll der inhaltliche Bezug zu den Anfängen der modernen „vertikalen Stadt“, wie sie in den 30er- bis 50er-Jahren angedacht wurde, herstellt werden. Andererseits sollen auch Angebote für kulturelle Aktivitäten nachgeholt werden, die bei den Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts versäumt wurden. So beschäftigt sich Christian de Portzemparc mit dem Bau der neuen Philharmonie (Place de l’Europe), Dominique Perrault mit der Erweiterung des Europäischen Gerichtshofes und mit den als Orientierungszeichen gedachten Turmbauten für Büros. Mit einer Wohnbebauung sind u.a. Alain Linster und Hermann & Valentiny betraut.
Auch eine Reihe von bedeutenden Kulturbauten, die vor kurzem fertig gestellt wurden bzw. in Ausführung begriffen sind, werden in der Ausstellung im Ringturm präsentiert: das Museum der Stadt Luxemburg (Conny Lentz), das Museum für Moderne Kunst „Grand Duc Jean“ von I. M. Pei, das Festungsmuseum (Jean Michel Willemotte), das Naturmuseum (Jean Herr) oder das Kunsthistorische Museum in der Altstadt (Christian Bauer).
Das Buch: Im Katalog zur Schau werden über die Ausstellung hinausgehende Themenbereiche in Essays behandelt und mit bisher unveröffentlichtem Material illustriert. Die Autoren untersuchen spezifische Themen zu Geschichte, Entwicklung und aktueller Situation der Architektur sowie Gesellschaft in Luxemburg. Neben einer ausführlichen Dokumentation der wichtigsten architektonischen Arbeiten aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts wird besonders das zeitgenössische Architekturgeschehen kommentiert und reich illustriert dargestellt.
ARCHITEKTUR IN LUXEMBURG. Ein Jahrhundert Städtebau und Baukunst. Herausgegeben von Adolph Stiller. Deutsch-französisch, zahlreiche Abbildungen, Textbeiträge von
Robert Phillipart, Mario Hirsch, Christian Bauer und Jean Herr, Antoinette Lorang, Ina Nottrot u.a. Verlag Anton Pustet, Salzburg, ca. 200 Seiten, Preis 450 Schilling.
Leihgeber:
Archives Modernes de l’Architecture Lorraine / Fonds Prouvé
Bibliothèque Nationale, Luxembourg
Deutsches Architektur Museum, Frankfurt / Main
Fonds d’Urbanisation et d’Aménagement du Plateau de Kirchberg
Fonds de Rénovation de la Vieille Ville
Photothèque Municipale, Ville de Luxembourg
Cinématèque de la Ville de Luxembourg
Musée d’Histoire de la Ville de Luxembourg
Administration des Bâtiments Publics
Banque de Luxembourg
Deutsche Bank, Luxemburg
Banque Européenne d’Investissement, Luxembourg
Beteiligte Architekturbüros und private Leihgeber
Die Forschungsarbeit zur Architektur der 30er-Jahre bis 50er-Jahre wurde vom Ministerium für Kultur und Bauten, Luxemburg, gefördert und von der Fondation de l’Architecture Luxembourgoise durchgeführt. Die Sammlung zahlreicher historischer und zeitgenössischer Originaldokumente für die Ausstellung wurde durch den Fonds Plateau Kirchberg, ermöglicht und von Marianne Brausch durchgeführt.
Kuratoren: Marianne Brausch, Luxemburg, Michel Petit, Luxemburg, Adolph Stiller, Wien